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Christlich-Islamischer Dialog –
Wir sagen „Ja“ zu religiöser und kultureller Vielfalt

Das Minarett-Verbot in der Schweiz und die Reaktionen darauf in Deutschland haben es wieder gezeigt: Der Dialog von Muslimen und Christen ist dringend angesagt. Dass auch hierzulande Alteingesessene Sorge haben vor einer „Überfremdung“ durch die Lebensart und religiöse Ausdrucksweise zugewanderter Muslime, ist ernst zu nehmen. Zu einer Verbesserung der Lage kann aber keinesfalls das Verbieten, Zurückdrängen oder Ignorieren unserer multikulturellen Realität beitragen - das Mittelalter mit seiner „Ideal“-Vorstellung einer religiös-politisch-kulturellen Einheitlichkeit der Gesellschaft ist schon lange vorbei, und die Zerstörung der Synagogen 1938 sollte uns ein für allemal das Bewusstsein dafür geschärft haben, dass wir den Anfängen der Diskriminierung einer religiösen Minderheit wehren müssen!

Nachdem die Muslime viele Jahre lang zurückgezogen und nach außen kaum sichtbar ihr Gebets- und Gemeindeleben gepflegt haben, treten sie nun mehr und mehr in die Öffentlichkeit – mit der Verschönerung und Vergrößerung ihrer Moscheen und mit der freundlichen Einladung an uns, sie z.B. am „Tag der offenen Moschee“ oder beim Fastenbrechen im Ramadan kennen zu lernen.

So haben wir in Siegen uns seit einigen Jahren im Dialog geübt. Gemeindegruppen, Studierende der Universität, Lehrerinnen und Lehrer, Pfarrerinnen und Pfarrer, Politikerinnen und Politiker waren zu Besuch in den Moscheen oder haben muslimische Gäste empfangen. Wir „Religiösen“ haben uns gegenseitig von unserem Glauben erzählt und einander unsere Gotteshäuser gezeigt und erklärt. Wir haben über die Chancen und über die Probleme des Zusammenlebens gesprochen und gemeinsame Projekte ins Werk gesetzt. Ein wichtiger Motor ist dabei der „Runde Tisch der Religionen“, an dem verschiedene islamische Vereine, die evangelische und die katholische Kirche, die christlich-jüdische Gesellschaft, die Universität und über den Integrationsrat der Stadt auch die Politik beteiligt sind.

Miteinander sprechen bedeutet nicht, dass man sich sofort in allem einig ist! Manchmal wird bei einer solchen Begegnung erst einmal die Unterschiedlichkeit der Kulturen so richtig deutlich. Auch die Erfahrung der Fremdheit gehört zum Dialog und die Erkenntnis, dass jeder von uns ganz schön gefordert ist, wenn es um Respekt und Toleranz, um Verständnis für den anderen und um die Klärung der eigenen Position geht. Andererseits haben wir auch schon viel Bereicherung erfahren, Neues kennen gelernt und manches Vorurteil relativieren können – Menschen der anderen Gruppe persönlich kennen zu lernen und ein Stück Weges miteinander zu gehen, öffnet einem Herz und Verstand und lässt einen die Dinge plötzlich ganz anders sehen: Hier ist keiner, der mich bedroht oder „überfremdet“. Hier ist ein Mensch, der wie du und ich in Frieden und Anstand leben und seinen Kindern eine ebensolche Zukunft ermöglichen will.

Auf diesem Weg wollen wir weiter gehen und als evangelische Christen zu einem guten, respektvollen Zusammenleben in unserer multireligiösen und multikulturellen Gesellschaft beitragen. Dabei sind wir uns unseres eigenen Glaubens ganz gewiss – ja, Jesus Christus ist uns selbst vorangegangen und hat uns ein leuchtendes Beispiel vor Augen gestellt (Lukas 10, 25-37).

Annegret Mayr